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Mikrofeminismus: Warum die kleinen Dinge nicht klein sind

Aufkleber mit dem Schriftzug „Feminism is for everybody“ an einem rostigen Pfosten
© Markus Spiske / Pexels

Ein Meeting. Eine Frau macht einen Vorschlag. Kurzes Nicken, dann geht es weiter. Zwanzig Minuten später bringt ein Kollege fast dieselbe Idee ein, und plötzlich sind alle begeistert.

Dann sagt eine Kollegin ruhig: „Das hatte Sarah vorhin schon vorgeschlagen. Gut, dass wir darauf zurückkommen.“

Ein kleiner Satz. Er kostet nichts, dauert drei Sekunden und verändert trotzdem etwas: Die Idee bekommt ihre Urheberin zurück. Und alle im Raum haben gesehen, dass es jemandem auffällt.

Genau darum geht es in diesem Beitrag: um Mikrofeminismus. In unserem Gesprächsabend hat uns dieses Thema besonders bewegt. Und die Szene aus dem Meeting kannten viele von uns, aus der einen oder der anderen Rolle.

Was ist Mikrofeminismus?

Bekannt wurde der Begriff 2024 über TikTok. Die US-Amerikanerin Ashley Chaney erzählte dort von einer kleinen Gewohnheit: Wenn sie eine E-Mail an eine Gruppe schreibt, nennt sie die Frauen zuerst. Und wenn sie einem Geschäftsführer schreibt und seine Assistentin in Kopie nimmt, setzt sie die Adresse der Assistentin an die erste Stelle. Das war keine große Kampagne und keine Grundsatzrede. Es war eine kleine, bewusste Entscheidung, die sie im Alltag immer wieder trifft. Daraufhin teilten tausende Frauen ihre eigenen Beispiele.

Mikrofeminismus meint also die kleinen, oft unscheinbaren Handlungen, mit denen wir feministische Haltung sichtbar machen. Diese Handlungen finden dort statt, wo wir ohnehin sind: im Büro, in der Bahn, am Familientisch, in der Eltern-WhatsApp-Gruppe.

„Muss so etwas wirklich auf eine Liste?“

In unsere Runde habe ich eine Liste mitgebracht mit Ideen für Mikrofeminismus im Alltag. Sie ist eine Sammlung: aus vielen guten Ideen anderer Menschen, die sich schon seit Langem damit beschäftigen, und aus Ideen, die sich in unserem Gesprächsabend gezeigt haben.

Bei manchen Punkten kam die Frage: Ist das nicht selbstverständlich? Muss so etwas wirklich auf eine Liste?

Danach kamen die Geschichten. Wer im Meeting unterbrochen wurde und wer nicht. Wer selbstverständlich das Protokoll schreibt. Wer gefragt wird, ob man Kinder plant, und wer nie. Und wer bei der Hochzeit ganz selbstverständlich den eigenen Nachnamen aufgibt. Dabei lässt sich die Namensfrage auch bewusst und gemeinsam entscheiden, statt einfach der Konvention zu folgen.

Am Ende war die Antwort klar: Ja, es muss auf eine Liste. Was selbstverständlich sein sollte, ist es im Alltag noch lange nicht.

Vier Ideen aus unserer Runde

Im Gespräch haben wir viele Ideen gesammelt. Vier davon möchte ich hier mit dir teilen, weil sie zu gut sind, um sie für uns zu behalten. Viele weitere Beispiele findest du in der ganzen Liste, den Link dazu gibt es am Ende dieses Beitrags.

1. Nimm dir deinen Platz.
In der Bahn darfst du mit deiner Körperhaltung den Platz einnehmen, der dir zusteht. Lass ihn dir nicht von Menschen nehmen, die ihre Beine breiter machen, als ihr Sitz vorgesehen hat. Das klingt banal. Wer es einmal bewusst ausprobiert hat, merkt aber, wie tief das Zur-Seite-Rücken in uns steckt.

2. Sprich über Menstruation.
Sag es ruhig laut, dass du gerade blutest, vor Männern und auch vor jungen Frauen und Mädchen. Frag offen in die Runde, ob jemand einen Tampon hat. Jedes Mal, wenn wir es nicht flüsternd tun, wird es ein Stück normaler.

3. Steh für dein Recht ein, auch wenn es ungemütlich wird.
Viele von uns haben gelernt, Harmonie herzustellen. Für uns selbst einzustehen bedeutet manchmal, Disharmonie auszuhalten. Bleib bestimmt. Und wenn nach einem klaren Satz Stille entsteht, musst du sie nicht auflösen.

4. Raus aus der Kümmerrolle.
Dieser Begriff ist an dem Abend entstanden, und er ist hängen geblieben. Frag dich bei allem, worum du dich kümmerst: Mache ich das, weil ich es gut kann oder weil ich helfen möchte? Oder mache ich es, weil meine Rolle es von mir erwartet und es sich über die Jahre so eingeschliffen hat? Fürsorge darf eine Wahl sein und keine Rollenerwartung. Dafür braucht es Kümmergrenzen, und es braucht den Mut, Verantwortung abzugeben.

Wo Mikrofeminismus überall möglich ist

Mikrofeminismus braucht keinen besonderen Ort. Er passt in jeden Bereich unseres Lebens, egal ob wir Single sind, in einer Beziehung leben oder Kinder haben:

  • Im öffentlichen Raum: auf dem Gehweg, in der Bahn, beim Arzt, also überall dort, wo es darum geht, wer Platz bekommt und wem etwas zugetraut wird.
  • Im Job: in Meetings, E-Mails und Protokollen, bei Gehalt und Anerkennung.
  • In der Beziehung: beim Mental Load, bei Care-Arbeit, Geld, der Namensfrage und den großen Lebensentscheidungen.
  • Als Single: bei finanzieller Unabhängigkeit und bei der Freiheit, Dinge selbst zu machen, ohne sich dafür zu rechtfertigen.
  • In der Familie und als Mutter: in den Rollenbildern, die wir Kindern vorleben, und dabei, wer in Kita und Schule zuständig gemacht wird.
  • Im Verein und im Ehrenamt: bei der Frage, wer kandidiert, wer redet und wer im Hintergrund die unsichtbare Arbeit macht.
  • Im Freundes- und Bekanntenkreis: wenn wir Freundinnen glauben, ihre Wut ernst nehmen und bei Witzen auf Kosten von Frauen nicht mitlachen.
  • Online: wenn wir die Stimmen von Frauen sichtbar machen und Abwertung nicht einfach stehen lassen.

Niemand muss überall gleichzeitig anfangen. Oft reicht ein Bereich und eine kleine Sache, die man dort beharrlich tut.

Auch Institutionen können Rücksicht einbauen

Eine Teilnehmerin hat von einer Dozentin an ihrer Uni erzählt. Die Dozentin fragte ihre Studierenden zu Semesterbeginn anonym, ob jemand psychisch belastet ist oder durch Care-Arbeit zusätzlich gefordert wird. Es ging ihr nicht um Kontrolle. Sie wollte wissen, worauf sie achten muss und wo sie ihre Lehre anpassen kann.

Mich hat dieses Beispiel berührt, weil es zeigt: Mikrofeminismus ist nicht nur etwas, das einzelne Frauen leisten. Auch Menschen mit Verantwortung können ihn in Strukturen einbauen, mit einer einzigen Frage.

Was Mikrofeminismus nicht ist

Ein Gedanke ist mir dabei wichtig: Mikrofeminismus ist keine weitere To-do-Liste für Frauen. Wir tragen schon genug. Und er ersetzt keine Politik, keine gerechte Bezahlung, keine Kitaplätze und keinen Schutz vor Gewalt.

Er ist etwas anderes: eine Erinnerung daran, dass wir nicht ohnmächtig sind, auch wenn sich die großen Dinge gerade nur langsam bewegen. An einem unserer Abende war viel Frust im Raum, viel Wut und Trauer über die politische Lage. Das durfte sein.

Und trotzdem sind wir an diesem Abend nicht ohnmächtig auseinandergegangen. Wir haben einander von den kleinen Dingen erzählt, die jede von uns im Alltag tut, und plötzlich war da wieder Mut. Und auch ein leises Gefühl von Widerstand.

Und in der Beziehung?

Als Paarberaterin weiß ich: Mikrofeminismus beginnt oft nicht erst im Büro, sondern schon am Küchentisch.

Wer denkt daran, dass das Waschmittel alle ist? Wer schreibt die Geburtstagskarte an die Schwiegermutter? Wer merkt, dass das Kind neue Schuhe braucht? Und wer kocht, wäscht, bringt die Kinder ins Bett, pflegt Angehörige und ruft bei beiden Familien an? Diese Arbeit, das Daran-Denken genauso wie das Erledigen, nennt man Mental Load und Care-Arbeit. Sie ist unbezahlt, wird selten gesehen, und ohne sie würde nichts funktionieren. In vielen Beziehungen ist sie ungleich verteilt.

Meistens hat das niemand bewusst so entschieden. Es hat sich eingespielt, und oft folgt es Rollenbildern, die wir selbst mitgenommen haben: aus unserer Herkunftsfamilie, aus Filmen und Werbung, aus Sätzen wie „Das hat Mama immer gemacht“. Viele Paare wollen gleichberechtigt leben und rutschen trotzdem in alte Muster, spätestens wenn das erste Kind kommt oder ein Elternteil pflegebedürftig wird.

Die Kümmerrolle zeigt sich hier besonders deutlich. Und auch das Aushalten von Disharmonie: Viele Frauen schlucken in der Beziehung lieber etwas herunter, als einen Streit zu riskieren. Kurzfristig bleibt es friedlich. Langfristig wächst daraus oft Groll.

Mikrofeminismus in der Beziehung richtet sich nicht gegen die Beziehungsperson. Er ist eine Einladung, die Aufgaben gemeinsam anzuschauen, die eigenen Rollenbilder zu hinterfragen und die Arbeit neu zu verteilen. Davon profitieren beide: Wer Verantwortung teilt, teilt auch Nähe.

Warum lohnt sich das? Weil Beziehungen an ungleich verteilten Lasten selten laut zerbrechen, sondern leise: an Erschöpfung, an Groll und an dem Gefühl, mit allem allein zu sein. Kleine, bewusste Schritte setzen früher an. Eine Aufgabe ganz abgeben, statt nur „Hilfe“ anzunehmen. Die Namensfrage gemeinsam entscheiden. Einmal im Monat schauen, wer gerade was trägt. So wird sichtbar, was bisher selbstverständlich erwartet wurde, bevor sich Frust festsetzt. Beide erleben sich als Team und nicht als Verwaltung von Zuständigkeiten. Und Kinder lernen nebenbei, was in einer Beziehung normal ist.

Gedankenanstöße

  • Was selbstverständlich sein sollte, braucht manchmal trotzdem einen Satz.
  • Harmonie ist nicht dasselbe wie Frieden.
  • Fürsorge ist ein Geschenk und keine Pflicht.
  • Kleine Gesten verändern nicht sofort die Welt. Aber sie verändern, was in unserer Welt normal ist.

Fragen zur Selbstreflexion

Für dich:

  • Was davon mache ich schon, vielleicht ohne es so zu nennen?
  • Wo könnte ich mutiger oder konsequenter sein?
  • Worum kümmere ich mich, weil ich es will, und worum, weil es von mir erwartet wird?
  • Wann habe ich zuletzt Harmonie über mein eigenes Recht gestellt?
  • Welches Beispiel aus meinem Alltag fehlt auf dieser Liste?

Für dich in deiner Beziehung:

  • Welche Aufgaben erledige ich in unserer Beziehung, ohne dass wir je darüber gesprochen haben?
  • Woran denke ich, an das meine Beziehungsperson nie denken muss?
  • Welche Rollenbilder aus meiner Herkunftsfamilie lebe ich heute, ohne es zu wollen?
  • Wann habe ich zuletzt etwas heruntergeschluckt, um einen Streit zu vermeiden?
  • Was würde sich verändern, wenn wir unsere unsichtbare Arbeit einmal gemeinsam aufschreiben?

Die ganze Liste zum Nachlesen

Alle Ideen für Mikrofeminismus im Alltag findest du hier auf meinem Blog:

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