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Was mich bremst: Über Sichtbarkeit, Angst und Wut

Nahaufnahme eines blauen Auges, durch eine Lupe vergrößert
© JIMMY Art / Pexels

Ich bin selbstständig. Eigentlich müsste ich mich zeigen: meine Arbeit, meine Gedanken, mein Gesicht. Online, auf Social Media, hier auf diesem Blog.

Und trotzdem tue ich es viel seltener, als ich könnte. Nicht, weil ich nichts zu sagen hätte. Sondern aus Angst.

Lange habe ich das für eine persönliche Schwäche gehalten. Für zu wenig Mut, zu wenig Selbstbewusstsein, irgendetwas, an dem ich eben arbeiten muss. Heute sehe ich das anders.

Wenn Sichtbarkeit Personenschutz braucht

Vor einiger Zeit war ich in Leipzig bei einem Gespräch mit Luisa Neubauer. Es war ein kluger, inspirierender Abend, bis auf zwei Dinge, die mich bis heute beschäftigen.

Das erste: Luisa Neubauer kam mit Personenschützern. Eine junge Frau, die sich für Klimaschutz einsetzt, braucht Schutz, um auf eine Bühne zu gehen. Sie hat davon erzählt, was ihr Tag für Tag auf allen möglichen Kanälen entgegenschlägt, vor allem von Männern.

Das zweite: Der Moderator fragte sie allen Ernstes, wie es denn um ihre „Reproduktionsgedanken“ stehe.

Mehr muss man dazu eigentlich nicht sagen. Und doch zeigt diese Frage im Kleinen, was im Großen passiert: Eine Frau steht für ein politisches Thema auf der Bühne, und am Ende wird sie auf ihren Körper und ihre Gebärfähigkeit reduziert. Vor Publikum. Ganz selbstverständlich.

Und Luisa Neubauer ist kein Einzelfall. Sie ist eine von vielen Frauen, die angefeindet werden, weil sie öffentlich für etwas einstehen: für Klimaschutz, für Feminismus und Gleichberechtigung oder für sexuelle Vielfalt. Je sichtbarer sie werden, desto heftiger wird oft der Gegenwind.

Dabei richtet sich der Hass selten nur gegen ihre Haltung. Er richtet sich auch gegen sie als Frauen: gegen ihr Aussehen, ihren Körper, ihre Sexualität. Wer widerspricht, bekommt nicht Gegenargumente, sondern Drohungen.

Was das mit mir zu tun hat

Ich bin keine Person des öffentlichen Lebens. Ich habe keine Hunderttausende Follower. Und trotzdem ist mir an diesem Abend klar geworden, wie sehr das, was Frauen wie Luisa Neubauer erleben, bis zu mir durchwirkt.

Bis in die Frage, ob ich einen Beitrag veröffentliche. Ob ich meine Meinung klar sage oder lieber etwas weicher formuliere. Ob ich mein Gesicht zeige oder nur ein Logo.

Dabei wäre Social Media genau der Ort, um mich vorzustellen und meine Arbeit zu zeigen: meine Arbeit mit Paaren, meine Arbeit mit Frauen, meine Arbeit rund um das Thema Sexualität.

Doch ich habe erlebt, wie schnell man dabei die Kontrolle verlieren kann. Ein Mann gab sich als Klient aus und wollte in Wahrheit nur meine Rolle ausnutzen. Am Ende habe ich Anzeige bei der Polizei erstattet. Dazu kommen immer wieder Anfragen von Menschen, die sich hinter ihrer Anonymität verstecken und Nachrichten schreiben, die Grenzen überschreiten.

Und ich sehe, was anderen passiert: Hasskommentare unter den Beiträgen von Frauen. Hass gegen Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen, manchmal gerade weil ihnen etwas widerfahren ist, das keinem Menschen widerfahren sollte.

Das macht Angst, das gebe ich offen zu. Und es wirft Fragen auf: Würde ich solche Kommentare aushalten, wenn sie mich selbst treffen? Wie kann ich mich davon distanzieren? Und wie schütze ich mich?

Diese Angst ist ein Schutzmechanismus. Sie will mich bewahren vor Kommentaren, vor Abwertung, vor dem, was Frauen im Netz passieren kann.

Und gleichzeitig macht sie mich unglaublich wütend.

Die Haltestelle und das Internet

Denn eigentlich sollte Sichtbarkeit so selbstverständlich sein wie abends von der Haltestelle nach Hause zu laufen.

Und genau da liegt der Punkt: Für viele Frauen ist auch der Weg von der Haltestelle nach Hause nicht selbstverständlich, schon gar nicht nachts oder im Dunkeln. Wir laufen ihn mit dem Schlüssel zwischen den Fingern, mit dem Handy am Ohr, mit einem Blick über die Schulter. Wir haben gelernt, uns zu schützen, und haben vergessen, dass das nicht normal sein sollte.

Mit der Sichtbarkeit im Netz ist es genauso. Dinge, die selbstverständlich sein sollten, werden für Frauen zu etwas, das Mut erfordert.

Das ist kein persönliches Problem. Es ist ein strukturelles.

Die Zahlen dahinter

Dass ich mit diesem Gefühl nicht allein bin, zeigen mir viele Gespräche mit anderen Frauen. Und es zeigen auch die Zahlen. Die Studie „Lauter Hass – leiser Rückzug“ aus dem Jahr 2024 kommt zu diesen Ergebnissen:

  • Fast jede zweite Person in Deutschland wurde online schon einmal beleidigt.
  • Junge Frauen sind besonders betroffen: 30 Prozent von ihnen wurden beleidigt, und 42 Prozent haben schon ungefragt ein Nacktbild zugeschickt bekommen.
  • 57 Prozent der Befragten sagen, dass sie ihre politische Meinung im Netz seltener äußern, und 55 Prozent beteiligen sich seltener an Diskussionen.

Der Titel der Studie sagt eigentlich alles: Der Hass ist laut, und der Rückzug ist leise. Er passiert in vielen einzelnen Entscheidungen, einen Post nicht zu schreiben, einen Kommentar zu löschen oder ein Profil auf privat zu stellen.

Jede dieser Entscheidungen ist für sich verständlich. Zusammen bedeuten sie, dass uns Stimmen fehlen. Oft fehlen gerade die Stimmen von Frauen.

Angst und Wut dürfen beide da sein

Zum ersten Mal ausgesprochen habe ich das in unserem Gesprächsabend für Frauen, den ich in Leipzig gegründet habe. Eine Regel aus unserem Regelwerk lautet: Wut und Schmerz sind willkommen. Es muss nicht alles sofort eine Lösung haben.

Das hat mir gutgetan. Ich musste meine Angst nicht wegreden und meine Wut nicht kleinmachen. Beides durfte nebeneinanderstehen.

Und gerade dadurch ist etwas in Bewegung gekommen. Denn wenn die Angst kein persönliches Versagen ist, sondern eine verständliche Reaktion auf eine Realität, die sich ändern muss, dann muss ich mich auch nicht mehr für sie schämen. Dann kann ich anfangen, mit ihr umzugehen.

Was helfen kann

Ich habe kein Patentrezept. Aber ein paar Gedanken begleiten mich:

  • Sichtbarkeit in kleinen Schritten. Ich muss nicht von heute auf morgen laut sein. Jeder Beitrag zählt, auch dieser hier.
  • Verbündete suchen und selbst Verbündete sein. Wenn Frauen sich sichtbar machen, hilft es, wenn andere sie teilen, ihnen den Rücken stärken und in Kommentarspalten widersprechen. Das gilt ausdrücklich auch für Männer.
  • Die Angst ernst nehmen, aber nicht entscheiden lassen. Sie darf mitreden. Das letzte Wort hat sie nicht.
  • Wissen, wo es Hilfe gibt. Wer von Hass im Netz betroffen ist, muss damit nicht allein bleiben. Die Organisation HateAid berät Betroffene von digitaler Gewalt kostenlos.

Was mir persönlich hilft, mich trotzdem zu zeigen, ist mein Kreis an Freund*innen. Ich weiß, dass sie mich auffangen, wenn es schwierig wird.

Dass ich diesen Text veröffentliche, ist für mich ein kleiner Akt von Mut und ein kleines Stück Widerstand. Ich zeige mich trotzdem.

Und in der Beziehung?

Als Paarberaterin weiß ich: Die Frage, wie sichtbar wir sein dürfen, stellt sich nicht nur im Netz, sondern auch in unseren Beziehungen.

Manche Frauen reden ihre Erfolge klein, damit sich ihre Beziehungsperson nicht zurückgesetzt fühlt. Manche nehmen ihre Wünsche zurück, bevor sie überhaupt ausgesprochen sind. Und manche erleben, dass ihre Angst zwar ernst genommen wird, aber mit dem falschen Rat: „Dann lass es doch einfach.“

Gut gemeint ist das oft. Aber es macht ihre Welt kleiner statt sicherer.

Die Beziehungsperson kann viel mehr sein: eine verbündete Person. Jemand, der fragt: „Was brauchst du, damit du dich trotzdem zeigen kannst?“ Jemand, der zuhört, wenn Kommentare wehtun, und der Erfolge mitfeiert, statt sie zu relativieren.

Und noch etwas: Vieles von dem, was Frauen zu ihrem Schutz tun, bleibt für das Gegenüber unsichtbar. Der Schlüssel zwischen den Fingern, die Nachricht „Bin gut angekommen“, der Umweg durch die beleuchtete Straße. Darüber zu sprechen, kann für beide ein Augenöffner sein.

Gedankenanstöße

  • Angst darf mitreden. Das letzte Wort hat sie nicht.
  • Was sich wie eine persönliche Schwäche anfühlt, ist oft eine verständliche Antwort auf eine Struktur.
  • Wer sich zeigt, braucht Rückenwind und keine Ratschläge.
  • Auch ein Rückzug ist eine Entscheidung. Er verdient die Frage, ob es wirklich meine ist.

Fragen zur Selbstreflexion

Für dich:

  • Wo halte ich mich zurück, obwohl ich eigentlich etwas zu sagen hätte?
  • Welche Vorsichtsmaßnahmen sind für mich so selbstverständlich geworden, dass ich sie gar nicht mehr bemerke?
  • Was würde ich tun, wenn ich keine Angst vor den Reaktionen hätte?
  • Wen könnte ich in ihrer Sichtbarkeit unterstützen?
  • Wie fühlt es sich an, Angst und Wut gleichzeitig zuzulassen?

Für dich in deiner Beziehung:

  • Wann habe ich mich zuletzt kleiner gemacht, damit sich mein Gegenüber nicht unwohl fühlt?
  • Weiß meine Beziehungsperson, welche Vorsichtsmaßnahmen ich im Alltag treffe?
  • Wie reagiert mein Gegenüber, wenn ich sichtbar werde: mit Rückenwind oder mit Bedenken?
  • Was bräuchte ich von meiner Beziehungsperson, um mich mutiger zu zeigen?

Zum Weiterlesen

  • Wer hat euch erlaubt, Frauen so zu hassen? von Kristina Lunz und Düzen Tekkal. Über Hass gegen Frauen, die sich öffentlich äußern, und darüber, was wir dagegen tun können.

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